Mit dem Zahnstocher zu … ‘was noch viel Tollerem. (Teil 1)

von Ricardo

„I am doing an experiment.“ „Je fait une expériment“, „äääh. … experimentos“. Ich habe zwei Stunden Zeit und ich suche mir das Gebiet um die Gedächniskirche aus. Es ist 18:30 Uhr und der siebente von zehn inspirierenden NLP-Practitioner-Tagen ist gerade zu Ende gegangen. Kurz vor Ende betreten Sascha und Alex die Bühne und erklären die Spielregeln: Jeder Teilnehmer bekommt einen Zahnstocher und die Aufgabe, diesen Stück für Stück gegen etwas immer noch Tolleres einzutauschen. Ach was wir dabei nicht alles lernen können…!? Die Komfortzone verlassen und rausgehen – darum soll es gehen. Am Ende werde ich noch viel mehr gelernt haben.

Ich beginne noch in der U-Bahn-Station am Zoo und trete vor eine Gruppe von ca. 10 Menschen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren und erkläre mein Anliegen. Das klappt – junge Leute scheinen begeisterungsfähig und offen für Experimente. Später werde ich noch ganz andere Erfahrungen machen. Hier ernte ich jedenfalls Zuspruch und einen Kugelschreiber. Draußen vor der U-Bahn treffe ich noch eine junge Gruppe. Es verläuft ähnlich und ich verlasse die Leute mit einer schicken CK-Parfümprobe und verhelfe einem HipHopper zu einem Kugelschreiber.

Auch die nächsten Teenies sind ähnlich herausgeputzt. Donnerstag um 18:30 beginnt scheinbar der Tanz- & Weggehabend. Jetzt halte ich schon eine originalverpackte Kaugummipackung in meinen Händen. Mit gemischten Gruppen junger Leute kann ich offenbar gut umgehen. Zeit auf andere Zielgruppen auszuweichen. Schließlich geht es bei NLP auch um Flexibilität in der Kommunikation. Ich versuche es bei zwei ca. 30 Jahre jungen Frauen auf einer Bank unter einem Baum. Wir kommen ins Gespräch, doch leider haben sie (tatsächlich!) überhaupt nichts dabei. Das Gespräch wird auf die Nachbarbank ausgeweitet und ich bekomme ein Tuch aus Seide(!). 30×30 cm und blau-silber ist es. Begeistert ziehe ich davon, noch nichts von der Erkenntnis ahnend, die dieses Tuch mit sich bringen wird: Ich brauche einen Gegenstand, den alle wollen, wenn ich wild Leute anspreche. Ein Mini-Seidentuch in blau-silber gehört nicht dazu.

Ohje. Kein Mensch will mein Tuch! Kein Mensch? Vielleicht ein alter Mensch? Entweder ich bilde mir nur ein, dass alte Leute auf solche Tücher stehen, oder es ist tatsächlich so. Woher weiß man das schon genau? Mir jedenfalls reicht der Verdacht als Argument und ich beschließe, mich an ältere Menschen zu wenden. Erfahrene Menschen mit einem Blick für blau-silbrige Seidentücher. Die Erfahrung schien ihnen zunächst einmal beigebracht zu haben, junge Männer prinzipiell abzuwimmeln, wenn sie den Abendspaziergang in der Nähe der Gedächniskirche stören wollen. („Der ist doch bestimmt von Seintoledschii.“) Nach geschlagenen 15 und gefühlten 45min mit dem Halstuch tauscht ein nettes Touristenehepaar eine Packung Old-Fashion-Lutschbonbons ein. Puh. Das mach ich nicht nochmal und tausche erstmal gegen eine Packung Fruchtgummis.

Mit dieser Packung stelle ich mich einer neuen Herausforderung: grimmig schauende, fast-food speisende, sitzende Männer mittleren Alters. Echte Pitpull-Türsteher und Bauleute. Eben solche, die ich sonst NIEMALS ansprechen würde. Die ersten schicken mich noch mit knappen Worten davon – sie wollen nix hören. Ich versuche es anders und spreche künftig direkt den Anti-Antworter („Aber-Sager“, „Gegenbeispielsortierer“) in ihnen an. Ein Charakterzug, den ich oft genug auch in mir entdecke, seitdem ich diesen drei Tage zuvor im NLP-Workshop kennen gelernt habe: Eine innere Stimme des Widerspruchs. Wenn sie hören: „Das funktioniert prima!“, sagen sie: „Bei mir nicht!“. Durch eine aufgesetzte Formulierung versuche ich mein Gespräch zu bekommen: „Sagt mal, euch zwei darf ich doch bestimmt nicht stören, oder?“ – „Naja doch – wenn es nur kurz ist: erzähl halt.“ Ich bin euphorisch. Es klappt. Wenn das die Art von „Manipulation“ ist, von der Freunde von mir Angst haben, wenn ich ihnen zu erklären versuche, was wir mit NLP tolles anstellen können, bin ich ganz unbesorgt. Ich plaudere kurz mit den beiden Herren, die zwar meine Fruchtgummis nicht brauchen wollen, mir aber dennoch das gute Gefühl verschaffen „geübt“ zu haben. Ich stehe wieder auf und betrete das Europacenter…

(Fortsetzung hier.)