Ein Augenblick des Überganges
von Ricardo
Es geschieht in der siebenten Klasse während des Biologieunterrichtes. Es ist eine der prägendsten Sekunden meines Lebens. Es ist die Sekunde, in der ich eine simple Frage des Lehrers beantworte.
In Biologie geht es damals um besondere Tiere und deren Auffälligkeiten. Wer eines kennt, darf es beschreiben; kurz sagen, wo und wie es lebt und was das Tier besonders macht. Zu dieser Zeit bin ich dem Lehrer als ein Schüler bekannt, der Faktenwissen stets darzustellen weiß, in Klassenarbeiten fast immer eine Eins schreibt und drum herum auch über ein überdurchschnittliches Allgemeinwissen verfügt. Und so sehe ich mit innerer Genugtuung dem Lehrer entgegen, der sich über meine Meldung freut, die den Unterricht ganz sicher wieder ansprechend würzen wird.
Mein besonderes Tier hatte ich sieben oder acht Jahre zuvor, während eines Familienurlaubes in Bayern getroffen; auf einer grünen Wiese am Berghang. Mein Vater zeigte es mir. Es sieht auf dem ersten Blick aus wie ein Huhn, ist aber ein spezielles Huhn, da es nur am Hang lebt. Um nicht umzukippen, hat es ein langes und ein kurzes Bein. Das ist sehr praktisch für das Huhn. Daher nennt man es auch ein Hanghuhn. Ich war beeindruckt.
Sieben oder acht Jahre später kommt die Gelegenheit von diesem beeindruckenden Tier zu berichten. Der Biologielehrer sieht meine Meldung und erteilt mir das Wort, indem er während seiner einleitenden Worte in meine Richtung schreitet und mir zunickt, nachdem er seinen Satz vollendet hat.
Ich berichte zunächst vom Lebensraum des Tieres – der Wiese am steilen Berghang in Bayern und sehe in den Augen des Lehrers, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Er hat genau diese Art von Erfahrung erwartet und ist schon dabei, sich von meinem Tisch am linken Klassenzimmerrand zufrieden in die Mitte des Zimmers zu orientieren.
In diesem Moment komme ich mit meiner Geschichte an den Punkt der unterschiedlich langen Beine, die sich am Hang als besonders praktisch erweisen. Hier sehe ich, wie sich der Gesichtsausdruck des Lehrers schlagartig aber marginal verändert. Der Blick verrät seine Verwunderung und Ungläubigkeit durch die minimal zusammengekniffenen Augen und den nach oben zuckenden Wangenknochen.
In diesem Augenblick verstehe ich. Ich verstehe, dass ich Quatsch erzähle. Ich verstehe, dass mein Vater mich belogen hat und verstehe auch, dass es gar keine Hang-Hühner gibt.
In dieser einzigen Sekunde des zuckenden Lehrerblickes trete ich in ein anderes Leben. In dieser Sekunde verlasse ich die Welt kindlicher Naivität, väterlicher Unantastbarkeit und die Welt des unerschütterlichen Glaubens an die Allwissenheit der Erwachsenen. Ich trete in eine Welt ein in der angebracht ist, anderen Menschen zu misstrauen und aus der es keinen Weg zurück gibt.
Der Blick des Lehrers ist gerade dabei, die Verwunderung durch ein lächeln zu überspielen, als ich meine Chance auf einen glimpflichen Ausweg entdecke: Auch ich lächle jetzt und erzähle – scheinbar unbeeindruckt – wie das Hang-Huhn mit den zwei unterschiedlichen Beinen die Wiese entlang geht und es niemals umkehrt wenn das Ende der Wiese erreicht ist. Hang-Hühner laufen einfach immer um den Berg herum. Nun haben auch die anderen in der Klasse meinen Witz verstanden. Alle lachen: die Schüler, der Lehrer und auch ich. Was für eine tolle Aktion ich mir da geleistet habe – den Lehrer einfach so zu veräppeln!
Mein Gesicht war gewahrt und die Situation gerettet. Nur die alte, unschuldige Welt, die ging verloren. Ich war schockiert.
Kommentare
Im Museum des Ortes Sitzendorf im Thüringer Wald wurden Dokumente gefunden, welche die Existens von Hanghühnern zweifelsfrei belegen:

